02 Früheres Gasthaus “Zur Ratsstube” vormals “Deutscher Kaiser”, Freudenstädter Str. 14

“Zur Ratsstube”, vormals “Deutscher Kaiser” Former Inn “Zur Ratsstube” – Previously “Deutscher Kaiser”
Das koscher geführte Gasthaus mit Metzgerei war für Familienfeste und besonders für Hochzeitsfeiern sehr beliebt. Auch Vorträge und Theateraufführungen wurden dort abgehalten. Im ersten Stock befand sich ein Tanzsaal.

Seit 1840 war das Gebäude in Besitz der Familie Gideon. Bis 1921 hieß das Gasthaus  „Deutscher Kaiser“, danach wurde es in „Ratsstube“ umbenannt, da sich die Rexinger Honoratioren gerne dort einfanden. Es war in der weiteren Umgebung bei Juden und Christen bekannt und hoch geschätzt.

1934 emigrierte die Witwe Hedwig Gideon nach dem Tod ihres Mannes mit ihren Söhnen in die USA. Die „Ratsstube“ wurde noch bis zur Zwangsschließung 1938 vom jüdischen Metzger Leopold Liebmann weitergeführt.

Nach Kriegsende diente das Gebäude eine Zeitlang als Unterkunft für französische Soldaten.

The kosher inn and butchery was a popular place for family celebrations, especially weddings, lectures and theatre performances.

With a ballroom in the first floor, the inn was a fantastic event venue. Since 1940 the building was a property of the Gideon family. Until 1921 the inn was known as “Deutscher Kaiser”. Later it was renamed “Ratsstube” in honor of the local dignitaries who appreciated to come together here. The inn was well-known in the greater Rexingen area and highly valued by both Christians and Jews.

After her husband’s death, Hedwig Gideon and her sons emigrated to the USA in 1934. The “Ratsstube” was continued by the Jewish butcher Leopold Liebermann until the forced closure in 1938. After the war the building served as an accommodation for French soldiers.


Links: Gasthaus Deutscher Kaiser auf einer Postkarte

Rechts: Ausschnitt aus der Hochzeitszeitung von Hedwig und Louis Schwarz von 1908. Auf dem Programm steht: “Um 1 ½ Uhr Aufstellung und Defiliermarsch zum Hotel Deutscher  Kaiser unter Vorantritt der Diesemer Blechmusik. …”

Die 1895 geborene Brunhilde Spatz, die Tochter des jüdischen Lehrers Samuel Spatz, schrieb in ihren Erinnerungen an Rexingen:

„Der populärste Platz aber von allen war wohl der ‚Deutsche Kaiser’, später, nach dem ersten Weltkrieg ‚Ratsstube’ genannt, mit der Gideonsfamilie als Besitzer und kundige, tüchtige Gastgeber. Wenn dann die Mitglieder der Tübinger Regimentskapelle die Ballmusik boten – das nannte sich Leben. Ich sehe, zurückdenkend, immer unseren Berthold Neckarsulmer vor mir, wie er den Gesellschaftstanz, die Quadrille, arrangierte, und da war keiner, der ihm etwas vormachen konnte. Da ging er die beiden langen Reihe der Quadrille entlang, gab den Musikern ein Zeichen durch ein kleines Nicken mit dem Kopf  – und los ging der Rummel, der lustig und zu gleicher Zeit würdig, zwar laut und vernehmlich, aber herzerfrischend schön war. Diesem ausgesprochenen Gruppentanz folgte dann ein Walzer, und wehe, wenn man den mit einem anderen getanzt hätte. Da wäre der Quadrille-Partner auf Tiefste beleidigt gewesen.“

1934 emigrierte die Witwe Hedwig Gideon nach dem frühen Tod ihres Mannes mit ihren Söhnen in die USA. Die „Ratsstube“ wurde noch bis zur Zwangsschließung 1938 vom jüdischen Metzger Leopold Liebmann weitergeführt. Im Haus wurden später Soldaten der Wehrmacht, dann Kriegsgefangene untergebracht.

 

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